Neun von zehn

Eine Kolumne von Ramona Blanco García Wolff

Kennst du diese Menschen? Du erzählst etwas Schönes, und bevor du den Satz zu Ende hast, kommt schon das "Ja, aber". Du hast eine Idee, und sie haben drei Bedenken. Du freust dich auf etwas, und sie kennen jemanden, bei dem das schiefgegangen ist.

Ich gebe zu: Ich bin das Gegenteil. Ich bin erst mal positiv. Immer. Und das kostet mich regelmäßig Geld, Nerven und ab und zu ein paar Illusionen.

Der Beweis liegt in meinem Keller

Fangen wir bei den Produkten an. Ich sehe eine Anzeige in den sozialen Medien. Ein wunderbares Ding, das mein Leben verändern wird. Ich glaube jedes Wort. Total naiv. Und ich kaufe.

Dann kommt das Paket, und die Ernüchterung ist meistens schneller da als die Rechnung. Ich ärgere mich. Ich schwöre mir, das nie wieder zu tun. Und beim nächsten Produkt falle ich wieder darauf rein. Zigmal passiert.

Inzwischen habe ich eine Lösung gefunden, die zu mir passt. Ich gebe die Anzeige einfach meiner KI-Assistentin und lasse sie die echten Bewertungen im Netz suchen. Sie hat mich schon vor einigen Fehlgriffen bewahrt. Interessant, oder? Ich habe mein naives Herz nicht wegtrainiert. Ich habe ihm nur eine nüchterne Kollegin an die Seite gestellt.

Mein Radar und seine Lücken

Bei Menschen ist es genauso. Ich habe so etwas wie ein Radar für schlechte Menschen. Wenn es sofort ausschlägt, halte ich Abstand. Aber wenn es still bleibt, gehe ich vollkommen offen auf Leute zu. Jeder bekommt bei mir einen Vertrauensvorschuss. Sofort und ungefragt.

Und natürlich erweisen sich manche davon als Griff ins Klo.

Ich frage mich manchmal, woran das liegt. Hat mein Gespür nachgelassen? Oder haben die Menschen einfach gelernt, sich immer besser zu verstellen, um ihre Ziele zu erreichen? Ich weiß es ehrlich nicht. Wahrscheinlich stimmt beides ein bisschen.

Die Rechnung, die ich trotzdem gern zahle

Wenn ich zehn Menschen kennenlerne und einer davon ist es wert, dann ändere ich gar nichts. Auch wenn die anderen neun mich tief enttäuscht haben.

Denn was wäre die Alternative? Ich würde aus den schlechten Erfahrungen den Schluss ziehen, niemandem mehr zu trauen. Ich würde jeden neuen Menschen erst mal durchleuchten wie einen Vertragsentwurf. Ich wäre sicher. Und ich wäre ärmer.

Wie traurig wäre das. Wie langweilig. Wie farblos.

Die neun kosten mich Zeit und manchmal ein Stück Herz. Der eine verändert mein Leben. Diese Rechnung geht auf. Sie geht sogar sehr gut auf.

Zwei Rechnungsarten unter einem Dach

Wie unterschiedlich man rechnen kann, sehe ich jeden Tag bei mir zuhause. Mein Mann dreht jeden Cent zweimal um, bevor er ihn ausgibt. Das ist keine Kritik, das ist seine Art, und sie hat uns oft genug gerettet.

Zu seinem Geburtstag habe ich Live-Musik bestellt. Richtige Musiker, kein Knopfdruck. Es hat ein kleines Vermögen gekostet. Wie viel genau, das bleibt zwischen mir und der Band.

Er hat sich riesig gefreut. Und ich bin ziemlich sicher, er hätte anders darüber gedacht, wenn ihm jemand vorher die Summe genannt hätte. Aber genau das ist der Punkt: Das Geld ist weg. Der Abend ist geblieben. Die Gesichter der Gäste sind geblieben. Ein Fest, über das heute noch geredet wird, ist geblieben.

Und im Kleinen mache ich es genauso. In meinem Zimmer liegt gerade ein Haufen Bügelwäsche. Er stört mich nicht im Geringesten. Ich lese nämlich gerade ein wunderbares Buch. In einem Jahr weiß ich noch, was in diesem Buch stand. Was an dem Tag gebügelt wurde, weiß dann niemand mehr. Nicht mal ich.

Berlin, mit zwei gebrochenen Wirbeln

Und dann gibt es noch die andere Sorte Risiko. Die, bei der es nicht um Menschen geht, sondern um dich selbst.

Vor Kurzem bin ich die Kellertreppe hinuntergestürzt. Erster und dritter Lendenwirbel gebrochen. Ruhe war angesagt, mindestens sechs Wochen.

Ich hatte aber diese Konzertkarten. Berlin. Mario Biondi. Drei Stunden Autofahrt hin, Konzert, Übernachtung, am nächsten Tag drei Stunden zurück.

Ich bin gefahren.

Der Preis kam prompt. Meine Genesung, die schon gut vorangekommen war, lag danach wieder am Boden. Zwei Tage Schmerzen. Zwei bis drei Tage verloren.

Bereut? Nein. Kein einziges Mal.

Es war wundervoll. Jede Minute in Berlin war wundervoll. Die Musik, der Abend, das ganze Drumherum. Der Rückschlag hat drei Tage gekostet. Die Erinnerung bleibt, wenn mein Lendenwirbel längst verheilt ist.

Der Widerspruch, den ich nicht verstecke

Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich mir selbst ins Wort fallen muss. Vor wenigen Wochen habe ich hier eine Kolumne veröffentlicht. Darin steht, dass ich endlich achtsam mit meinem Körper umgehe. Dass ich die Zeichen nicht mehr überhöre. Dass ich langsamer mache.

Und dann setze ich mich mit zwei gebrochenen Wirbeln sechs Stunden ins Auto, wegen eines Konzerts.

Ja. Beides stimmt. Ich bin kein Lehrbuch, ich bin ein Mensch.

Aber es gibt einen Unterschied, und der ist mir wichtig. Früher habe ich meinen Körper für Termine überhört, für Aufgaben, für Menschen, die es nicht wert waren. Für Dinge, die mir nichts gegeben haben. Diesmal wusste ich vorher genau, was es kostet, ich habe es abgewogen, und ich habe es für etwas getan, das mir viel gegeben hat. Das war keine Nachlässigkeit. Das war eine Entscheidung. Meine.

Kein Risiko, kein Leben

Ist es sinnvoll, immer nur vernünftig zu sein? Immer nur abzuwägen, abzusichern, zu vermeiden?

Nein. Die ganz Vernünftigen kaufen nie das falsche Produkt. Sie werden auch nie enttäuscht, weil sie niemanden nah genug heranlassen. Sie fahren nicht nach Berlin. Sie bleiben liegen, wie es sich gehört. Und dann liegen sie da, sechs Wochen lang, kerngesund im Kopf und arm an Erinnerungen.

Ich zahle lieber. Für neun enttäuschende Bekanntschaften, um den einen Menschen zu finden. Für ein paar Fehlkäufe, weil ich lieber an das Gute glaube als an die Fälschung. Und für drei Tage Schmerzen, weil eine Nacht in Berlin es wert war.

Wirbel verheilen. Fehlkäufe kann man verschenken. Enttäuschungen verblassen. Die Bügelwäsche liegt morgen auch noch da. Was bleibt, sind die Abende, für die es sich gelohnt hat.

Wie ich die Treppe hinuntergefallen bin und was mir das über mein Tempo beigebracht hat, steht in "Ich bestimme die Geschwindigkeit". Und warum ich trotz aller Enttäuschungen weiter neue Menschen hereinlasse, in "Meine Festplatte war voll".

Wie hältst du es? Gibst du Menschen einen Vertrauensvorschuss, oder haben die Enttäuschungen dich vorsichtig gemacht? Und was war deine letzte Unvernunft, die es absolut wert war? Erzähl es mir. Ich sammle solche Geschichten.

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