In den letzten zwei Jahren sind mehrere Menschen aus meinem Leben verschwunden. Von jetzt auf gleich. Menschen, die einmal eine wichtige Rolle gespielt haben. Kein Kontakt mehr. Keine Anrufe. Nichts.
Und jetzt kommt der Teil, über den ich seit Tagen nachdenke: Es macht mir kaum etwas aus.
Früher hat mich jeder Bruch fertiggemacht. Tagelang. Ich habe Gespräche im Kopf wiederholt, nach meinem Anteil gesucht, überlegt, wie ich es hätte retten können. Heute geht mir ein Name durch den Kopf, und da ist einfach nichts. Kein Stich. Keine Wehmut. Nichts.
Und ehrlich gesagt: Das ist ein bisschen beängstigend.
Der eine Bruch, der weh tat
Einen gab es, der anders war. Meine Schwester. Diesen Bruch habe ich selbst vollzogen, nach einem Verhalten, das ich irgendwann nicht mehr tolerieren wollte. Auch nicht von ihr. Vielleicht gerade nicht von ihr.
Da war Trauer. Da ist bis heute Trauer. Man verliert keine Schwester und zuckt mit den Schultern.
Aber daneben stand von Anfang an noch etwas. Erleichterung. Weil ich seitdem keinen Raum mehr zur Verfügung stelle. Keinen Raum für Verletzungen. Keinen Raum für Hinterhältigkeiten. Keinen Raum dafür, ausgenutzt zu werden. Diese Räume waren jahrelang möbliert, geheizt und jederzeit betretbar. Ich habe abgeschlossen.
Ich brauchte ein Bild dafür. Und dann kam eines.
Die Festplatte war voll
Ich glaube, unsere Seele funktioniert wie ein Computer, dessen Festplatte vollgelaufen ist. Irgendwann geht nichts mehr. Nichts lädt, nichts speichert, alles ruckelt. Und dann musst du entscheiden, welche Dateien gelöscht werden können.
Manche Dateien sind wertvoll. Die bleiben, auch wenn sie groß sind. Andere liegen seit Jahren herum und nehmen nur Platz weg. Du öffnest sie nie. Du brauchst sie nie. Aber löschen traust du dich auch nicht, weil sie mal wichtig waren.
Und solange sie liegen bleiben, ist kein Platz für Neues. Keine neuen Ideen. Keine neuen Projekte. Keine neuen Menschen. Der Speicher ist belegt von Dingen, die dir nichts mehr geben.
In den letzten zwei Jahren habe ich aufgeräumt. Nicht aus Bosheit. Aus Platzmangel.
Reife oder Hornhaut?
Und jetzt die Frage, die ich mir wirklich stelle: Ist das Reife? Oder bin ich kalt geworden?
Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Ich springe bei einem Tor vom Sofa. Ich weine bei Musik. Ich umarme Menschen, die ich zwanzig Minuten kenne. Genau deshalb erschreckt mich diese Gleichgültigkeit. Sie passt nicht zu mir.
Vielleicht ist es Resilienz. Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass ich mir von manchen Menschen jahrelang ein falsches Bild gemacht habe. Wenn dir die Binde von den Augen fällt, trauerst du nicht um den Menschen. Du trauerst um das Bild, das du dir von ihm gemacht hast. Und dieses Bild war nie echt. Um etwas, das es nie gab, kann man schlecht weinen.
Vielleicht ist es aber auch einfach Hornhaut. Wer oft genug verletzt wurde, entwickelt eine dickere Haut. Das schützt. Aber eine dicke Haut spürt eben auch weniger. Man kann sich nicht schützen, ohne dabei auch etwas preiszugeben.
Ich glaube, es ist von allem etwas. Und ich glaube, das ist ehrlicher, als sich einzureden, es sei reine Weisheit.
Zwei Gefühle, beide richtig
Das Erstaunlichste an dieser ganzen Sache: Ich habe zwei Gefühle gleichzeitig, die sich eigentlich ausschließen müssten.
Das eine ist beängstigend. Diese Gleichgültigkeit bei einer Frau, die sonst alles bis in die Fingerspitzen spürt.
Das andere fühlt sich großartig an. Befreiung. Leichtigkeit. Der Speicher ist wieder frei.
Und beide fühlen sich richtig an. Ich habe aufgehört, mich zwischen ihnen entscheiden zu wollen. Vielleicht muss man das gar nicht. Vielleicht darf ein Abschied traurig und richtig sein. Vielleicht darf man erleichtert sein und trotzdem etwas vermissen. Wir sind keine Maschinen mit einem Zustand pro Zeitpunkt.
Der Test, den ich mir selbst gebe
Es gibt für mich nur eine ehrliche Probe darauf, ob das Reife ist oder Kälte. Sie lautet: Lässt du noch Neue rein?
Wer kalt geworden ist, macht dicht. Der räumt nicht auf, der zieht die Tür zu und wohnt allein weiter. Bei mir ist das Gegenteil passiert. In den letzten zwei Jahren sind wunderbare Frauen in mein Leben gekommen. Mutige, kluge, lebendige Frauen, mit denen ich Gespräche führe, nach denen ich reicher nach Hause gehe.
Sie hätten vorher gar keinen Platz gehabt. Der Speicher war voll.
Solange ich noch Neue reinlasse, bin ich nicht kalt geworden. Ich habe nur gelernt, wen ich speichere. Und mit dieser Antwort kann ich leben.
Wie sich das anfühlt, wenn ein Abschied vor allem Erleichterung bringt, habe ich in „Sie hat es mir abgenommen“ erzählt. Diese Kolumne schaut auf das Muster dahinter.
Kennst du das auch? Diesen Moment, in dem dir jemand einfällt und einfach nichts passiert? Erschreckt dich das? Oder erleichtert es dich? Und lässt du noch Neue rein? Schreib es mir. Über diese Frage rede ich gerade sehr gern.
Ramona Blanco García Wolff ist Unternehmerin, Autorin und Gründerin von Leuchtturmfrauen.