Dann wackle ich eben nur ein bisschen
Eine Kolumne von Ramona Blanco García Wolff
Spanien schießt ein Tor. Und ich springe vom Sofa, die Arme oben, und singe. ¡Que viva España! Das Herz galoppiert, die Nachbarn wissen Bescheid.
Und dann meldet sich mein Rücken. Zwei gebrochene Lendenwirbel, frisch von der Kellertreppe. Freudensprünge gibt es diese WM nur mit Bedacht.
So sieht Fußball bei uns zuhause aus. Eine Spanierin in Flammen. Und daneben ein Deutscher, der sich freut. Rational. Mit Maß. Er analysiert die Viererkette. Ich singe.
Der Abend, an dem zwei Gewissheiten starben
Sein Turnier ist übrigens schon vorbei. Seit Ende Juni. Deutschland gegen Paraguay, Elfmeterschießen. Es war das erste Elfmeterschießen, das Deutschland bei einer Weltmeisterschaft je verloren hat. In diesem Land gab es zwei Gewissheiten: Die Rente ist sicher, und Deutschland gewinnt Elfmeterschießen. Seit diesem Abend gibt es nur noch die Rente. Und selbst da bin ich mir nicht mehr so sicher.
Mein Mann hat es getragen wie ein Deutscher. Kopfschütteln, eine Analyse, ein Bier. Am nächsten Morgen war er wieder vernünftig. Ich hätte drei Tage getrauert. Mindestens.
Seitdem läuft in unserem Wohnzimmer nur noch eine Hymne.
Warum eigentlich Fußball?
Ich frage mich das selbst. Warum löst ein Spiel mit zweiundzwanzig Menschen und einem Ball so viel in uns aus? Schau nach Brasilien. Nach Argentinien. Ganze Länder halten den Atem an, wenn der Ball rollt. Erwachsene Menschen weinen wegen eines Abseitstors. Und ich springe mit kaputten Wirbeln vom Sofa.
Ich glaube, für mich ist es das hier: Im Alltag bin ich beides. In Spanien die Deutsche, in Deutschland die Spanierin. Zwei Seelen, eine Europäerin, immer in der Balance. Aber wenn la Roja aufläuft, gibt es kein Beides. Neunzig Minuten lang bin ich hundert Prozent Spanierin. Niemand fragt, welche Karte ich ziehen darf. Mein Herz hat sich längst entschieden, und es fragt mich nicht um Erlaubnis.
Es ist ein wohliges Gefühl. Stolz ohne Fußnote. Zugehörigkeit ohne Antrag. Vielleicht ist Fußball für uns, die zwischen zwei Ländern leben, der einzige Ort, an dem die Frage „Wohin gehörst du?" eine einfache Antwort hat.
Shakira und zwei Lendenwirbel
Ich habe Musik im Blut. Sobald die ersten Töne kommen, bewegt sich mein Körper von allein. Shakira reicht, und meine Hüften erinnern sich, wo ich herkomme.
Nur meine Lendenwirbel, die sind zurzeit sehr deutsch. Sie pochen auf Vorschriften. Nicht so viel Schwung, Señora. Es ist eine Gratwanderung zwischen „ich hätte gern mehr Schwung" und „geht nicht, die Wirbel machen nicht mit".
Aber ich lasse mir die Lebensfreude nicht nehmen. Dann wackle ich eben nur ein bisschen. Hauptsache, ich wackle.
Die Kleinen tanzen mit
Diese WM hat mir noch eine Freude geschenkt: die Kleinen. Kap Verde und andere Mannschaften, die vorher kaum jemand auf der Karte hatten, haben groß aufgespielt. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich für Länder jubelte, deren Spieler ich nicht mal kannte. Einfach weil es schön ist, wenn David den Großen ärgert.
Der Fußball ist einer der letzten Orte, an denen das regelmäßig passiert. Fragt die Deutschen. Paraguay.
Der Wermutstropfen
Einen bitteren Beigeschmack hat diese WM allerdings. Sie findet in einem Land statt, dessen Präsident beim FIFA-Chef anruft, wenn ihm eine Rote Karte nicht passt. Der Stürmer der USA sah Rot. Der Präsident telefonierte. Die FIFA hob die Sperre auf. Die ganze Fußballwelt war entrüstet, Verbände protestierten, Trainer spotteten. Und am Ende? Kamen sie damit durch.
Das macht mich fassungslos. Nicht mal der Sport ist mehr sicher vor Männern, die glauben, Regeln gelten nur für die anderen.
Aber der Fußball hat selbst geantwortet. Belgien, die Mannschaft, die dadurch benachteiligt wurde, hat das Spiel gegen die USA trotzdem gewonnen. Deutlich. Manchmal regelt Karma die Dinge schneller als jeder Verband.
Heute Abend, 21 Uhr
Und genau dieses Belgien steht heute Abend vor dem spanischen Tor. Ich gönne ihnen fast alles. Nur heute nicht.
Meine Spanier haben in diesem Turnier noch kein einziges Gegentor kassiert. Wenn das gut geht, wartet am Dienstag Frankreich. Das vorgezogene Finale, sagen alle. Ich sage: erst mal heute.
Ich werde auf dem Sofa sitzen. Neben mir ein rationaler Deutscher, der die Viererkette analysiert. Und wenn Spanien trifft, springe ich auf. Ein bisschen. Mit Bedacht. Die Wirbel wackeln mit. ¡Vamos, la Furia Roja!
Warum ich zwischen zwei Ländern zuhause bin, habe ich in „In Spanien bin ich die Deutsche" erzählt. Und wie es zu den zwei gebrochenen Lendenwirbeln kam, steht in „Ich bestimme die Geschwindigkeit".
Und du? Für welches Land springt dein Herz auf, wenn der Ball rollt? Und sitzt bei dir auch jemand auf dem Sofa, dessen Herz für die andere Mannschaft schlägt? Schreib mir. Am besten vor dem Anpfiff.