Mein Vater wollte zwei Jahre bleiben
Er blieb ein Leben lang.
So wie die meisten. Koffer packen, Geld verdienen, zurück. Max. zwei Jahre. Aus Galicien nach Deutschland, weil die Fabrik rief und die Familie aß. Alfonso kam. Und blieb. Erst er, dann wir. Weil zwei Jahre zu drei wurden, zu fünf, zu einem Leben.
Gastarbeiter. Was für ein Wort. Als wären Menschen Gäste auf Zeit, die man wieder nach Hause schickt, wenn der Tisch abgeräumt ist.
Man hat sie toleriert, die Gastarbeiter. Weil man sie brauchte. Die Fabriken liefen, die Straßen wurden gebaut, die Wirtschaft brummte. Aber man blieb auf Abstand. Man sprach mit ihnen nicht richtig Deutsch, sondern in diesem rudimentären Ausländerdeutsch. Du kommen. Du arbeiten. Du verstehen? Als wären es Kinder. Als wären es weniger.
Hass gab es damals kaum. Hetze schon gar nicht. Das Schlimmste war ein Stirnrunzeln. Ein Kommentar über Knoblauch. Ein Blick, der sagte: ihr seid anders. Aber ihr brennt keine Heime nieder. Ihr ruft keine Parolen. Ihr macht keine Gesetze.
Damals war das der Gipfel der Fremdenfeindlichkeit.
Ich schreibe das, und es macht mich traurig.
Ich kam mit drei Jahren. Zweite Generation. Schule, Ausbildung, Studium, Karriere. Viele von uns haben eine Deutsche oder einen Deutschen geheiratet. Mehr Integration geht nicht. Die Sprache hat mir die Schule gegeben, die mein Vater sich mühsam erkämpfen musste.
Wir, die Kinder der Gastarbeiter, hatten es leichter. Aber dazugehören? Wirklich dazugehören? In meiner Klasse gab es höchstens zwei Kinder mit Migrationshintergrund. Heute ist das Verhältnis fast umgekehrt.
Zwischen uns Migrantenkindern gab es eine eigene Welt. Italiener, Spanier, Jugoslawen, Kroaten. Erstaunlich, wie gut wir uns verstanden. Sogar Ehen wurden geschlossen. Man bildete Gruppen, Klubs, kleine Inseln der Heimat mitten in Deutschland. Die Spanier haben ihre Kultur gelebt, ihre Literatur, ihre Sprache gepflegt. Die Türken wollten perfekt Deutsch sprechen, so sehr, dass manche ihre Muttersprache verloren. Ich habe mal eine Studie gesehen: ein türkischer Jugendlicher beherrschte damals maximal 400 Wörter in seiner Muttersprache.
Vierhundert Wörter. Für eine ganze Herkunft.
Jede Gruppe hatte ihre Geschichte. Ihre Art zu ankommen. Ihre Art zu bleiben. Und trotzdem, latent, war da immer dieses Gefühl. Die guten Jobs gingen an die Deutschen. Nicht an die Ausländer. Man hat sich damit abgefunden. Man hat sich eingefügt. Toleriert. Akzeptiert. Nicht weil es gerecht war, sondern weil man es nicht anders kannte.
Vor einiger Zeit habe ich eine Rede von Pedro Sánchez gehört. Er sprach über ein Schiff. Menschen, seit Wochen nicht gewaschen, in zerrissenen Kleidern, halb verhungert. Gestrandet. Aufgenommen.
Und dann sagte er: Ich rede nicht von aktuellen Flüchtlingen. Ich rede von spanischen Familien, die vor Franco geflohen sind. Die nach Venezuela kamen, nach Argentinien, nach Mexiko. Die dort herzlich aufgenommen wurden. Die ihr Leben neu aufgebaut haben.
Und dann die Frage, die im Raum hängen blieb: Was machen wir heute mit denen, die zu uns kommen?
Ich musste schlucken.
Heute werden Heime angezündet. Heute werden Hassparolen gerufen. Heute macht sogar die Politik Gesetze, die in eine Richtung zeigen, die mir Angst macht. Ich verstehe, dass Grenzen Regeln brauchen. Ich verstehe, dass wer als Gast hier ist und ein Verbrechen begeht, das Recht verliert zu bleiben. Das ist kein Rassismus, das ist Konsequenz.
Aber dieses bedingungslose Übern-Kamm-Scheren. Dieses Alle-gleich-Behandeln. Flüchtlinge, Gastarbeiter, Europäer, alles ein Topf, alles eine Bedrohung. Das macht mich fassungslos.
Vielleicht entsteht aus dieser Ununterscheidbarkeit die Überforderung. Vielleicht. Aber Überforderung ist keine Entschuldigung für Hass.
Ich habe fast mein ganzes Leben in Deutschland verbracht. Ich habe zwei Seelen. Die spanische und die deutsche. Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich als Europäerin. Nicht als das eine, nicht als das andere. Als beides. Als mehr.
Und wenn ich heute höre, wie öffentlich über Menschen wie mich geredet wird, mit Abfälligkeit, mit Pauschalurteilen, mit diesem Ton, dann befremdet mich das zutiefst.
Nicht in meinem Freundeskreis. Nicht in meiner Community. Dort bin ich einfach ich. Dort fragt niemand, welche Karte ich ziehen darf.
Aber da draußen? Da draußen brodelt etwas.
Mein Vater wollte zwei Jahre bleiben. Er blieb ein Leben lang.
Ich frage mich manchmal, was er heute denken würde. Ob er noch käme.
Ramona Blanco García Wolff ist Unternehmerin, Autorin und Gründerin von Leuchtturmfrauen.
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